M. A. Karjalainen
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Momente der Verbundenheit

Moment #07: recovered in social distancing

13/3/2026

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Erinnere dich, als wir uns von einem Tag auf den nächsten nicht mehr sehen durften, und wenn dann nur mit Abstand. Erinnere dich, als wir uns von einem Tag auf den nächsten nicht mehr berühren durften, und wenn dann nur mit Faust oder Ellenbogen. Erinnere dich, als man uns von einem Tag auf den nächsten zu Todesboten erklärte, die voneinander fern gehalten werden mussten.
Als Ersatz bot man uns technische Krücken, man verschob unser Leben in die virtuelle Welt der Messenger- und Videokonferenz-Dienste, um uns vor uns selbst zu retten. Man führte einen Krieg gegen einen Krankheitserreger und wie in jedem Krieg gab es einige wenige Gewinner und viele, viele Verlierer. Verloren gingen unter dem Deckmantel der als notwendig befundenen Solidarität der Hausverstand, das Mitgefühl und die Menschlichkeit. Sie fehlen zuweilen seither und bis heute und wahrscheinlich noch länger darüber hinaus.
Als ich mich beruflich, aber auch privat in den virtuellen Räumen einrichtete, entdeckte ich einen Riss in dem mich von anderen trennenden, zwischen uns von den Mächtigen errichteten Wall, fast ausschließlich in der Begegnung mit jenen, die ich vorher schon einmal oder immer wieder von Angesicht zu Angesicht erleben durfte. Unsere Verbindung war immer noch da, sie war immer noch vergleichbar, spürte sich großteils auch immer noch gleich an.
Das verwunderte mich, wurde mitunter sogar zum Wunder.
Als seit jener Zeit fliehender Vielreisender erfreue ich mich dieser wunder-vollen Momente, nutze das als kalt und herzlos verschriene Technische, um es mit wirklichem Leben zu füllen. Auch in die Kamera kann man lächeln, auch am Bildschirm kann man einander an den Händen berühren, auch übers Mikrofon kann man wertschätzend und liebevoll miteinander sprechen.
Man kann aber auch noch mehr, nämlich verborgene oder gar – von anderen? – versteckte Fähigkeiten (wieder) entdecken: denn auch über die Ozeane kann man, ganz ohne technische Hilfsmittel Wellen der Liebe schicken.
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Moment #06: Das Ende - ein Anfang

14/10/2025

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Durch die Wälder streife ich gerne. Sie atmen. Sie leben. Sie sind Leben. Sie folgen dem Auf und Ab. Sie verweigern sich der Linearität, die wir so gerne dem Menschsein zugrunde legen; und damit unmenschlich werden. Wachstum kommt und geht. Wachstum um jeden Preis ist unnatürlich.
Jetzt, im Herbst, beginnt der Wald sich zur Ruhe zu legen. Kahle Kronen zeugen davon. Das Grün der Nadelbäume ermattet. Der Geruch von Sterben und Verwesung liegt in der Luft; er ist überraschenderweise süß, fühlt sich dennoch bitter an. Mit unserer Brille betrachtet kommt mit dem Sterben der Tod, das absolute Ende, die Auslöschung, die mit der Verwesung beginnt. Doch in ihr keimt der Neubeginn, der diesem Wandel, der Verwandlung allen Lebens unweigerlich folgt.
Fällt der erste Schnee, deckt er das Flocke um Flocke zu, was uns so erschreckt; das abgrundtief dunkle wird eingehüllt in ein strahlendes Weiß, das uns wieder Lust macht, Lust auf das Leben. Selbst die eisige Kälte, die uns Frieren macht, dem Wald aber nichts anhaben kann, führt uns nicht in den Abgrund, sondern in wohlgeheizte Stuben, in denen Tee und Esskastanien und mitfühlende Gespräche uns wohlig wärmen. Mit Ungeduld im Herzen erwarten wir das Aufbrechen des Eises, wir wissen darum, dass es nicht immer so bleibt, der Winter vorbeigeht. Der Wald lehrt es uns, Jahr für Jahr.
Und sind dann die Sonnenstrahlen endlich auch so, dass sie uns wärmen, beginnen die Knospen aufzubrechen und Blätter und Blüten zu sprießen, werden auch wir neu geboren. Mit einer Kraft, die uns überwältigt, doch auch uns allen innewohnt, bricht sich das neue Leben Bahn. So lange, bis es auf höchstem Niveau stagniert, uns im Hochsommer wieder liebevoll an den Winter denken lässt, den wir aber nur erreichen können, wenn wir uns dem Herbst aussetzen; ihn nicht bloß aussitzen, sondern ihm freundlich begegnen. Nur dann kann er uns sanft ins Absinken der Lebenskraft begleiten, das notwendig ist, um dem ewigen Kreislauf des Lebens, dem immerwährenden Werden und Vergehen gerecht zu werden.
Ach, würden doch mehr von uns Menschen regelmäßig in den Wäldern umherstreifen, um sich mit dem vertraut zu machen, was unser Mensch-Sein ausmacht.

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Moment #05: Anfängergeist

20/3/2025

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„Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.“
Dieser Ausschnitt aus dem Gedicht „Stufen“ des deutschen Dichters Hermann Hesse beschreibt eindrücklich die Wirksamkeit des so genannten Anfängergeistes. Wir alle waren schon einmal soweit, dass wir alles, was uns begegnet ist, immer als Neuanfang erlebten, immer als etwas Einmaliges, Einzigartiges. Als wir in unseren jüngsten Jahren noch keine Vorstellung von Vergangenheit und Zukunft hatten, lebten wir im Augenblick. Alles, was geschah, war quasi immer wieder neu für uns, erlebten wir so, als wär’s ein erstes Mal. Das, was damals unserer Gehirnentwicklung geschuldet war und im Lauf der ersten Lebensjahre nach und nach verloren ging, lässt sich aber tatsächlich wieder beleben, im wahrsten Sinn des Wortes reanimieren, wieder beseelen.
Ein Blick in die Natur lehrt uns zum einen die Wiederkehr, zum anderen, dass das Wiederkehrende kein einziges Mal dasselbe ist. Wenn die Sonne aufgeht, so tut sie dies an jedem Tag auf eine etwas andere Art; wenn die Jahreszeiten einander abwechseln, so geschieht dies bei genauerer Betrachtung jedes Mal auf eine andere Weise; wenn die Blumenwiese nach der erste Mahd von neuem erblüht, so wachsen die Pflanzen und Blüten wieder ganz neu und jedesmal anders. Das sind nur einige wenige Beispiele, die uns die stetige Veränderung des Lebens zeigt, dass wir viel zu oft als immer gleichbleibend erleben. Dieses Erleben zeugt von unserer eingeschränkten Wahrnehmung, die uns oftmals das Leben schwerer macht, als notwendig.
Was meine ich damit? Routinen haben ihren wert, ja, aber wenn sie zu Erstarrung führen, blockieren sie unsere Lebendigkeit. Auch das alltägliche Zähneputzen kann zu einem erstmaligen Erlebnis werden, wenn wir bereit sind, es zuzulassen. Das Lassen ist überhaupt eine wichtige Tugend in diesem Zusammenhang. Wenn ich bereit bin, zu lassen, dann kann ich wirklich jeden Augenblick meines Lebens als erstmalig und einzigartig erfahren, auch wenn er von außen betrachtet wohl so scheint, als hätte ich ihn schon zigmal erlebt.
Eine Voraussetzung für die wohltuende Wirkung des Anfängergeistes ist die Achtsamkeit, sich selbst und der Welt gegenüber. Es braucht auch die Bereitschaft, sich dem Auf-und-Ab, das dem Leben innewohnt (Stichwort: Das einzige Bleibende ist die Veränderung), spielerisch zu anzunähern. Im Spiel entfaltet sich unsere Kreativität, die es braucht, um auch mit Unbill umzugehen, solche Lebensphasen nicht nur durchzustehen, sondern aktiv zu bewältigen. Mit dem Spielerischen ist immer auch der laufende Anfang verbunden, der uns zeigt, dass jeder Moment noch nicht dagewesen und somit gänzlich neu und einzigartig ist.
Wie sehr wünsche ich mir, diese Haltung pflegen und konservieren zu können, sie quasi zur Routine zu machen. Aber ist sie nicht dann in Gefahr, zu erstarren und dem entgegenzuwirken, was ich eigentlich damit bezwecken wollte? Es gilt wohl tatsächlich – und das könnte zu einer lebendigen Routine werden – in jedem Augenblick den Neuanfang zu erblicken; ganz besonders, wenn man am Morgen die Augen zum ersten Mal aufschlägt und am Abend, wenn man sie zum Schlafen schließt. Denn auch die Nacht und ihre Träume sind etwas Einzigartiges, noch nie Dagewesenes.

Wenn wir das Leben auf diese Weise zu betrachten im Stande sind, dann werden wir uns dieser vielen Neuanfänge kaum erwehren können, ganz im positiven Sinn. Und mit diesem so gepflegten Anfängergeist werden wir aus der Fülle unserer Existenz schöpfen und zum Schöpfer unseres Lebens werden. Das gilt ganz sicher bis zu dessen Ende und vielleicht sogar darüber hinaus.
Oder wie Hermann Hesse sein eingangs zitiertes Gedicht enden lässt:

„Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
Uns neuen Räumen jung entgegen senden,
Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden…
Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!“

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Moment #04: Gewitterregen

6/8/2024

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Aus der Ferne ist ein dumpfes Grollen zu vernehmen. Ein Blick auf den Himmel, der vor kurzem noch sommerlich klar und blau war, ballen sich Haufenwolken zu Gewittertürmen zusammen. Die leichte Brise, die vor kurzem die Wipfel der Bäume des nahen Mischwaldes leise säuselnd bewegt hat, ist verstummt. Mit einem Mal wirkt die Luft stickig und schwül. Die wenigen Sonnenstrahlen, die die immer dichter werdende Wolkenschicht noch durchlässt, spüren sich stechend an auf Haut und Haar.
Alles – Natur und Mensch – ersehnt den erlösenden Regen. Doch der Preis ist hoch, besteht doch die Gefahr, dass er nicht nur mit Blitz und Donner einhergeht, sondern auch mit Starkregen, vielleicht sogar Hagel, Überflutungen oder gar noch mehr.
In der Ruhe vor diesem Sturm liegt nicht nur dieses Sehnen nach der Erlösung von stechender Hitze und atemraubender Schwüle, sondern auch eine intensive Verbundenheit mit der gesamten Schöpfung. Sie ist voller Hoffnung und gleichzeitig voller Sorge weil sie uns das Ausgeliefertsein alles Lebendigen vor Augen führt. Wohl und Wehe liegen in diesen Minuten in der Luft und die Frage „Wie wird das ausgehen?“ Wie gut, wenn man ein festes Dach über dem Kopf hat, eine Bleibe, in die man sich zurückziehen kann vor diesem Unbill der Natur.
In der Verfilmung des Romans „Den afrikanske farm“ (deutscher Titel: Afrika, dunkel lockende Welt bzw. Jenseits von Afrika) der dänischen Schriftstellerin Tania Blixen werden ihrem Hausdiener Juma, einem Kikuyu, angesichts des Feuers, das ihre Kaffeefarm vernichtet, die Worte: „Gott kommt, Memsahib“ in den Mund gelegt. Und an anderer Stelle in einer anderen für sie schrecklichen Situation „Gott ist groß“. Diesen Worten wohnt meiner Wahrnehmung nach eine grundlegende Schicksalsergebenheit inne, die uns westlich sozialisierten und „zivilisierten“ Menschen fremd und unverständlich ist. Wir sind der festen Überzeugung, dass wir die Natur beherrschen können und machen uns auf diese Weise zu einem Wesen, dass sich außerhalb dieser im wahrsten Wortsinn natürlichen Mächte sieht. Auf diese Weise können wir dieses Natürliche auch zu unserem Feind machen und es zu bekämpfen suchen. In diesem Kampf setzen wir oftmals Mittel ein, die zu weiteren Konsequenzen für uns führen und die der Situation nicht gerecht werden, sie mittel- bis langfristig sogar verschlimmern.
Von der überdachten Terrasse aus oder dem Blick aus dem Fenster lässt sich die Gewalt eines richtigen Donnerwetters meist gut er- und überleben. Man kann sich bei solchen Ereignissen weiterhin von dem distanzieren, dessen Teil wir eigentlich sind. Oder man kann dieses Erlebnis nutzen, um sich unseres Platzes im Universum bewusst zu werden. In dieser Verbundenheit mit allem liegt das Geheimnis der Existenz, die nicht Gut und Böse kennt, sondern die in ihrer Vollkommenheit alles mit einschließt, was uns ge- aber auch missfällt. So gesehen ist die Schicksalsergebenheit des Kikuyu ein Maßstab, der uns auf das Niveau bringt, zu wissen, was machbar ist und was nicht. Das stünde uns Menschen, als bloß einer von mehr als einer Billion Arten von Lebewesen auf unserem Planeten wirklich gut an. Auch die Katastrophen, die ein Gewitterregen über die Menschheit bringen kann, sind Ausdruck dieses notwendigen Perspektivwechsels.
Und wenn glücklicherweise (noch einmal das Stichwort: Schicksalsergebenheit) einmal mehr alles gut gegangen ist, dann gibt es nach einem Gewitter nichts Herrlicheres als den wunderbaren Duft der Landschaft und die neue Atem spendende Frische der gereinigten Luft zu genießen. Auch das darf, ja muss sein.

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Moment #03: Lebendigkeit

22/6/2023

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Alles Leben ist dem Tod geweiht. Und die Lebendigkeit nur wahrhaft spürbar, wenn wir uns dem Dasein vom letzten Augenblick her nähern. Eine Zumutung. Ein beständiger Kampf mit der Sinnlosigkeit. Insbesondere, wenn eines der Wesen dieser wundervollen Schöpfung sein Leben aushaucht.
Sinnlosigkeit des Lebens, weil es den Tod gibt?

Seit ich mich den Großteil des Jahres mitten in der Natur aufhalte, bin ich beständig von dieser aus dem Bewusstsein unserer westlichen Gesellschaft verdrängten Tatsache umgeben. Diese Form der Bewusstlosigkeit ist nicht aufrecht zu erhalten, wenn du tagtäglich mit sterbenden oder bereits verstorbenen Wesen zu tun hast.
Um nur einige wenige Beispiele zu nennen:
Der Schmetterling am Ende eines Sommers. Die von einem Auto überfahrene Kreuzotter. Die im Spinnennetz gefangenen Mücken. Das vom Fuchs tot gebissene Huhn. Die Wespe, die sich in die Werkstatt verirrt hat und irgendwann ihren Kampf gegen die Fensterscheibe ihr Leben lassen musste. Der Regenwurm, der der Amsel zur Nahrung dient. Die Borkenkäfer, die der Specht genüsslich verspeist. Die Ameise, die ich – unachtsam wie ich trotz allem noch bin – mit einem unbedachten Fußtritt getötet habe.
All diese Tode führen mich – zumindest für einige Augenblicke – in eine tief empfundene Trauer über diese Vergänglichkeit. Und wenn ich auf eine von einem Auto tot gefahrenen Katze mit meinem Fahrrad am Weg zu den Einkäufen treffe, dann bringt mich das mitunter für viele Stunden zum Nachdenken. Manchmal empfinde ich eine große Wut, einerseits über die Unachtsamkeit der Menschen, andererseits über die Ungerechtigkeit dieser Form des Todes. Ja, auch des Todes an sich. Manchmal lösen diese Ereignisse Traurigkeit aus, Traurigkeit über das, was allen Menschen bevorsteht. Diese Gefühle, sowohl Wut als auch Trauer können lähmen. Lähmung als krasses Gegenteil von Lebendigkeit. Wie ein von Sicherheit dominiertes Leben, das kein Leben mehr ist.
Das Dasein ist nur dann ein wirkliches, wahrhaftiges, wenn es sich zur Gänze der Lebendigkeit preisgibt. Das ist das Bewundernswerte an all den Wesen, denen es an der Möglichkeit zur Reflexion und zum Grübeln fehlt. Sie leben einfach. Von einem Augenblick zum nächsten. Ganz lebendig. Einfach lebenswert. In tiefer Verbundenheit mit dem Sinn ihrer Existenz.
Wunderbare Gedanken zum Thema Lebendigkeit hat sich der Biologe und Philosoph Andreas Weber in seinem gleichnamigen Buch gemacht, das ich an dieser Stelle – nicht nur als Sommerlektüre - herzlich empfehlen mag.
Bildrechte:
Bild von Kathy Büscher auf Pixabay


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Moment #02: Mutter Natur

30/10/2022

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Erstaunt blickte ich aus dem Fenster des Busses. Ich glaubte zu träumen, konnte mich verbüffenderweise nicht mehr daran erinnern, jemals so viel Wald gesehen zu haben, obwohl ich die Gegend erst fünf Tage vorher verlassen hatte, um die Hauptstadt zu besuchen. Wo waren bloß die Häuserreihen hin, die den Alltag der vergangenen Woche geprägt hatten, wo die Kraftfahrzeuge, wo die Menschen, die ein enormes Tempo vorlegten, gehetzt durch die Straßen und Parks eilten, mit ihren Blicken und ihren Gedanken immer schon dort, wo sie hin wollten, oder noch weiter.

Der Kontrast, ja der Widerspruch zwischen Stadt und Land war mir schon lange nicht mehr so deutlich bewusst geworden. In den meisten Jahren meines Lebens waren die Stadt, später dann der Stadtrand, manchmal eine Kleinstadt und zuletzt ein 2000-Seelen-Dorf, das auf Stadt machte, mein Lebensmittelpunkt, die Natur spielte höchstens am Wochenende oder im Urlaub eine Rolle. Daher gewann ich den grauen Fassaden, die sich aneinanderreihten, mal dichter mal weniger dicht, doch immer auch etwas ab. Ging wahrscheinlich auch nicht anders, denn meine sich nach dem Natürlichen sehnende Seele wäre wohl sonst kollabiert.

Seit meinem Umbruch, tatsächlich die Natur zum Mittelpunkt meines Lebens zu machen, mal hier, mal da, dem Städtischen den Rücken zu kehren und nur in Ausnahmefällen zu ihm zurückzukehren, wollte meine Seele das Natürlich offenbar in großen Schlucken trinken, sich damit an-, ja sogar abfüllen, trunken werden vom Grün, vom Blau, vom Licht, vom Schatten, der Sonne auf der Haut, dem Duft der Frühlingsblüten, der Sommerwiesen, des Herbstlaubs und des bevorstehenden Schneefalls, des Baumharzes, der feuchten Erde nach dem Regenfall, dem Leben in der und mit der Natur.

Schon wenige Stunden nach meiner Ankunft in der Großstadt begannen meine Sinne abzustumpfen, der Regen ließ mich frösteln, der Wind zittern, meine Nase nahm die Autoabgase als Gestank wahr, der mich ekelte. Ich fühlte mich verwaist, verlassen von dem, worin ich mich geborgen fühlte. Ich hielt fünf Tage lang durch, Familienraison. ​

Und als ich dann knapp vor der Ankunft plötzlich der Wälder gewahr wurde, konnte ich es nicht glauben, dass sie tatsächlich existierten. Noch im Bus stellten sich all meine Sinne um und brachten mich erneut auf den Geschmack, mich dem natürlichen auszusetzen. Als ich dann nach meinem Aussteigen an der Haltestelle den ersten Atemzug tat und meine Lungen mit der Luft und dem Duft der Birken, Kiefern und Fichten füllte, der trotz der bereits vorwinterlichen Witterung deutlich zu erkennen war, da wusste ich, wo ich wirklich zuhause bin. Und ich war glücklich, dass mich mein Leben endlich - und diesmal wohl auch auf Dauer - diesen Weg aus dem Asyl des Städtischen in die Arme von Mutter Natur geführt hatte. 
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Moment #01: Im Augenblick

19/9/2022

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Er flatterte mir zu. Als ich an diesem nasskalten Herbsttag aus der vom Küchenofen wunderbar geheizten Stube nach draußen ging, um Holz aus dem Schuppen zu holen, zog er gerade seine Kreise durch den Garten. Zu meiner Verwunderung brachen sich in dem Moment ein paar Sonnenstrahlen ihren Weg durch die dichten, grauen Wolken und brachten die regenfeuchte Wiese herrlich zum Glitzern. Der Falter, dessen Namen ich erst später herausfand, nutzte einen dieser sonnenbestrahlten Plätze, um sich niederzulassen und seine Flügel auszubreiten. Auch diese, dunkelbraun mit einem weißen Rand und einzelnen kleinen blauen Augen, begannen herrlich zu glitzern. 

Ich blieb stehen und konnte nicht anders, als den Schmetterling inständig zu betrachten. Wie zart war sein Körper, wie filigran seine Flügel, die durch den einen oder anderen Windstoß in Bewegung gerieten. Und doch blieb er stabil an seinem Platz, gerade so, als wollte er mir etwas sagen, mich etwas lehren, mich mit seinem ganzen Sein in mein Sein zurückholen, das durch all die Alltäglichkeiten abgestumpft und durch all das Hoffen auf ein besseres Morgen verloren schien.

Mein nächster Schritt war anders als jener, den ich vor dem Innehalten getan hatte. Auch setzte ich den übernächsten und den danach bewusster auf den Boden, ich nahm das Rundherum mit meinen Atemzügen in mich auf, trug auch das Holz ganz anders aus dem Schuppen zum Haus als noch am Tag davor. Als ich auf diesem Weg noch einmal auf dem Platz meiner Begegnung mit dem Falter vorbeikam, war dieser schon dahin. Doch ließ er mich zutiefst bereichert und freudig bewegt zurück, mit seiner Botschaft vom einzigen Moment der zählt: der gegenwärtige Augenblick. 
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    "Momente der Geborgenheit" heißt ein Buch des norwegischen Autors Erik Fosnes Hansen aus dem Jahr 1999. Es hat mich beim Lesen damals fasziniert - und es hat eine Fortsetzung versprochen, endet es doch mit dem Hinweis, dass hier der erste Teil ende. Bis heute ist diese allerdings nicht erschienen. Für mich blieb die Schilderung der Natur und der Stimmungen eindrücklich in Erinnerung. In meinem Blog habe ich den Titel angepasst, inhaltlich möchte ich mich all dem widmen, was uns mit der Welt, dem Leben, den anderen Menschen, einfach Allem verbindet. Vom Stil her werde ich versuchen, Stimmungen einzufangen und die Natur, die diese einmalig und einzigartig hervorzubringen versteht, ins Spiel zu bringen.

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